On Air: Berlins multikulturelle Stimme

Voll gut drauf - auch ohne Bezahlung: Ehrenamtliche Mitarbeiter von radio multicult.fm vor der Marheineke Markthalle in Kreutberg.Berlin – 7.10 Uhr morgens, mitten im multikulturellen Berlin. Während über den Äther auf 88,4 der „Gipsy Doodle“ von “Analogic und dunkelbunt“ schallt und alle noch müden Radiohörer der Metropole endgültig aus den Federn reißt, herrscht hinter der gläsernen Tür von Radio multicult.fm in der Marheineke-Markthalle schon seit einer Stunde reges Treiben: Eine aufgeweckte Redakteurin bereitet Studiogast Javier Sanchez Arjon auf sein Interview vor. Thema ist die spanische Protestbewegung für mehr Demokratie. Da wird die Tür unter den rot-leuchtenden Lettern „On Air“ aufgerissen. „Druckt ihr mir noch schnell die aktuellen Wettermeldungen aus“, ruft Moderator Wolfgang König aus dem Studio. Im selben Moment öffnet sich die Glastür des Radiosenders und der nächste Studiogast betritt die vor Energie brodelnde Radioküche. „My name is Thomas Bayee“, sagt der aus Kamerun stammende Mann in den Raum. Im Morgenmagazin von multicult.fm wird er heute über sein deutsch-afrikanisches Integrationsprojekt sprechen. Doch bevor es für ihn losgeht, legt Afrika-Experte König noch ´nen Song von Richard Bona auf, der auf Duala singt. „Unsere Landessprache“, erklärt Studiogast Bayee.
So oder so ähnlich sieht er aus, ein ganz normaler Morgen bei Berlins einzigem multikulturellen Radiosender. „Zumindest in den letzten zwei Monaten ist das unser täglicher Wahnsinn“, sagt Radioleiterin Brigitta Gabrin mit einem Lächeln in den Augen. Denn seit zwei Monaten hat Radio multicult.fm endlich ein eigenes Sendestudio. Zwar geht das Licht noch nicht und auch ein neues Mischpult wird noch installiert, aber um täglich zu senden, reicht das Equipment völlig aus. „Vorher haben wir Radio aus dem Rucksack gemacht“, berichtet die leidenschaftliche Hörfunkjournalistin und studierte Psychologin Gabrin. Denn nach der Schließung des RBB-Radioprogramms Radio Multikulti in der Sylvesternacht 2008 gab es Radio „multicult 2.0“ – wie das Format noch bis vor Kurzem hieß – zunächst nur im Internet, Livesendungen konnten gar nicht ausgestrahlt werden. Dass sich das geändert hat, ist einem Team von rund 80 radio-verrückten, hoch motivierten, unentgeltlich arbeitenden Menschen zu verdanken.
An Themen mangelt es multicult.fm darum nicht. Da viele der freiwilligen Mitarbeiter einen multi-ethnischen Hintergrund haben oder einfach Befürworter einer Stadt mit einem bunten Völkergemisch sind, finden sich selbst spezielle Themen recht schnell. So berichtet die griechisch-stämmige Redakteurin Thea Mavropolous über die „Atenistas“, eine Bürgerinitiative junger Athener. Die Interviews für ihren originellen Beitrag hat sie von ihrer letzten Reise nach Athen mitgebracht. Laura Wolfs arbeitet einen Bericht über Weißrussland. Da die junge Journalistin auch Osteuropaexpertin ist und ein Jahr bei einer englischsprachigen Zeitung in Serbien gearbeitet hat, ist das heikle Thema für sie leicht zu bearbeiten. Zazou Röver wiederum, die sich ihr Brot mit dem Schreiben von Drehbüchern verdient, bereitet gerade ein ganz neues Format für das Wochenendprogramm von multicult.fm vor. Nur so viel sei verraten: Um Liebe soll es sich drehen. Programme auf Spanisch und Südslawisch gibt es schon, weitere fremdsprachige Sendungen sind in Planung.
Ganz gleich welches Spezialgebiet oder welche Erstsprache die Radiomacher von multicult.fm haben, eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie widmen 15 bis 30 Stunden wöchentlich der Produktion eines Non-profit-Programms und verdienen keinen Cent damit. Das Geld, um multicult.fm auf Sendung zu halten, kommt von Spendern. Geld für Honorare springt dabei bisher nicht raus. Warum die Radiomacher trotzdem mit so viel Eifer dabei sind? „Weil es einfach unwahrscheinlich wichtig für unsere Stadt und Gesellschaft ist, dass es einen Sender für Integration gibt“, meint multicult.fm-Moderatorin Nora Sinemillioglu. Auch Michael Olmer, einer von zwei Redaktionsleitern bei multicult.fm findet es „unverständlich, dass der einzige multikulturelle Sender damals geschlossen wurde“ und arbeitet deshalb neben seiner journalistischen Tätigkeit für den Bayrischen Rundfunk bei multicult.fm mit („Anfangs ging meine gesamte Freizeit dabei drauf“). Rachel Kenesei, die erst vor zwei Monaten aus Budapest nach Berlin zog, wo sie Wirtschaft und Musikwissenschaft studiert hat und als Dozentin arbeitete, pflichtet Olmer bei: „In Ungarn wird gerade im Bereich der fremdsprachigen Fakultäten an den Unis gekürzt. Ich kann und wollte damit nicht leben. Hier in Berlin will ich deshalb daran mitarbeiten, dass diese Stadt für unterschiedliche Kulturen offen bleibt.“

Radio multicult.fm ist täglich von 6:00 bis 10:00 Uhr auf UKW 88,4 und 90,7 oder rund um die Uhr über die Internetseite www.multicult.fm zu hören. Wer sich für das Programm von multicult.fm interessiert, kann die Macher aber auch live antreffen; und zwar entweder vom 17. bis 19. Juni an ihrem Stand beim Kunst- und Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“, beim “Bergmannstraßenfest“ in Kreuzberg (24. bis 26. Juni) oder direkt in der Kreuzberger Marheineke-Markthalle.

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