Leuchtende Zeitfenster

Am jüdischen Friedhof erinnern die Schauspieler an die Oerlinghauser Opfer des Holocausts.Oerlinghausen – Eine nächtliche Wanderung durch zurückliegende Jahrhunderte unternahmen am vergangenen Freitag rund 500 Oerlinghausen-Fans. Der mystische Spaziergang in die Vergangenheit, organisiert in Gemeinschaftsarbeit mehrere Oerlinghauser Vereine, begann an der Alexanderkirche. Dort hatte die Schauspieltruppe um Sigrid Mai, Initiatorin des fantasievollen Umzugs, einen kleinen Marktstand aufgebaut. Bestaunt vom immer zahlreicher werdenden Publikum unterhielten sich die Marktfrauen über den Ablassbrief einer der beiden. Sünden wie: „Sie hat ihrem Mann nicht die ehelichen Pflichten zuteil kommen lassen!“, waren dort aufgelistet. Um Buße zu tun und den Ablass zu zahlen ging die Sünderin anschließend in die Kirche – gefolgt vom Oerlinghausen Publikum. Weitere Station der Zeitreise zu Fuß: Das Haus Hauptstraße 69, an dem zwei Wäscherinnen des 17. Jahrhunderts sich die neusten Neuigkeiten über den Zwist des letzten Vogtes zu Oerlinghausen, Johann Bracht, und seinem Widersacher, den lippischen Graf Simon, erzählten. Anschließend ging es zur so genannten Pickertschmiede, dem heutigen Parlando. Dass inzwischen die Nacht über Oerlinghausen hereingebrochen war, tat dem Straßentheater kein Abbruch. Die Mimen postierten sich im „Alten Gasthaus Nagel“, dessen Fenster hell erleuchtet waren, und zogen ihr Programm durch.

Eine mystische und gar unheimliche Stimmung herrschte während der folgenden Szene am Judenfriedhof. Dort erinnerten die Schauspieler an 300 Jahre Oerlinghauser Geschichte, in denen Juden hier zu Hause waren. Ebenso alt ist der Friedhof, den die Stadt Oerlinghausen 1944 für ganze 500 Reichsmark vom Deutschen Reich kaufte. Der Staat wiederum hatte die Totenstätte zuvor durch die Zwangsenteignung in seinen Besitz gebracht. Auch erinnert wurde an einige Oerlinghauser Familien, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Unter der Linde an der Tönsbergstraße Ecke Jägerstraße stimmte das Publikum zusammen mit den Schauspielern das Volkslied „Muss i den zum Städtele hinaus“ an. Danach ging die Tour weiter vorbei am Bürgerhaus, wo Opernsängerin Uta Ober ein Ständchen zum Besten gab, hin zum Stadthotel, wo die Truppe – in Kleider des beginnenden 20. Jahrhunderts gewandet, eine Tänzchen aufführte. Die hell erleuchteten Fenster in der regenfreien Spätsommernacht versetzten wohl auch den letzten Teilnehmer des historischen Spaziergangs in der Zeit zurück. Diesmal in die Jahre, als Oerlinghausen sich als Sommerfrische für Reisende öffnete, die im Schopketal und bei Spaziergängen unter schattigen Buchen der Gluthitze Bielefelds und Detmolds zu entkommen suchten.

Nach einem revolutionären Beitrag am Amtsgarten, bei dem aus einem Text von Georg Weerth zitiert wurde, der den 18. März 1848 in Oerlinghausen beschreibt („Arbeiter rotteten sich gegen die reiche Bevölkerung zusammen“), ging es weiter zur Jugendstiege, an der Marianne Weber auf die Wanderer wartete. Sie sprach über die ihr Ende der 1940er Jahre angetragene Ehrenbürgerwürde, die sie nie annahm und über das Oerlinghausen, dass die Frauenrechtlerin kannte.

Nach einem weiteren Stopp an der Altdeutschen Bierstube zog die nun schon etwas geschrumpfte Menschenmasse gegen 22.30 Uhr auf dem Rathausplatz ein. Hier liefen die Schauspieler noch einmal zu Hochtouren auf: In einem dadaistisch anmutenden Sprechgesang wurde die Stadtverwaltung aufs Korn genommen. Themen wie Sauberkeit und das Abwandern von Geschäften kamen auf den Tisch. Zum Nachdenken und Rebellieren angestiftet, wurde das Publikum letztlich aber wieder beschwichtigt. Mit dem gemeinsamen Gesang von „Der Mond ist aufgegangen“ fand die dreistündige Zeitreise mit aktuellen Momenten ihr Ende. Beifallsstürme zeigten die Begeisterung des Publikums, das sich weitere Rundgänge durch Oerlinghausens Historie wünschte.

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